Niedrigzins-Politik wird zum rein deutschen Problem
www.welt.de/finanzen/article175981142/Niedrigzinsen-Deutsche-Sparer-stehen-in-Europa-alleine-da.html                     Â
Für sie gelesen und genau dieses beschriebene Verhalten ist der Grund warum die Zinsen in naher Zukunft nicht so schnell steigen werden.
Die Niedrigzins-Politik der EZB kann die deutsche Lust am Sparen nicht bremsen: Von einem Sparboykott ist hierzulande nichts zu spüren – ganz anders als im restlichen Europa. Die Ausnahmestellung der Deutschen droht jetzt, zum Problem zu werden.Europa erlebt in diesen Tagen eine Teilung. Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) spaltet die EU in zwei Lager. Die eine Seite hat sich aufgrund der nicht enden wollenden Tiefzins-Ära dazu entschieden, ihre Sparbemühungen drastisch zu verringern. Weil es sich schlichtweg nicht lohnt, wird deshalb auch weniger auf die hohe Kante gelegt. Diesem Lager gehört die große Mehrzahl der europäischen Nationen an. Genauer gesagt, zählen bis auf ein großes Land und vier kleineren Staaten alle dazu.
Das zweite Lager ist mit seiner Haltung geradezu isoliert. Hier ignoriert man nicht nur, dass es nahezu keinen Habenzins mehr gibt. Es wird sogar noch emsiger gespart, um auch bei Nullzins das Vermögen vermeintlich zu mehren. Diese eine große Ausnahmenation ist – man hätte es ahnen können – Deutschland. Nach Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat ist die Sparquote hierzulande auf über 17 Prozent gestiegen. Das ist nicht nur ein Rekord, sondern steht auch im markanten Gegensatz zum großen Rest Europas. Dort ist die Sparquote der privaten Haushalte erstmals in der Geschichte unter die Marke von zehn Prozent gefallen. Vor allem in Italien legten die Verbraucher weniger zurück, aber auch in Spanien oder Frankreich nahm die Sparfreude deutlich ab. Frankreich markierte einen historischen Tiefstand. In Deutschland hingegen ist von einem Sparboykott aufgrund der EZB-Politik nichts zu spüren. Die Divergenz sollte deutsche Sparer hellhörig machen. Sie offenbart nicht nur, dass die Bundesbürger gegebenenfalls ökonomisch falsch sparen. Wenn mit Ausnahme von Deutschland in ganz Europa die Sparraten fallen, gibt es in der Euro-Zone kaum eine stärkere Sparer-Lobby, die dafür sorgen könnte, dass die Leitzinsen wieder deutlich steigen werden. Wollen die Deutschen nicht den Preis der Anleger-Analphabeten Europas bekommen, müssen sie ihr Sparverhalten ändern. Das Geldvermögen der Deutschen hat zuletzt mit knapp 5,9 Billionen Euro einen weiteren Rekord erreicht. Allerdings stecken 4,5 Billionen davon in renditeschwachen Anlagen wie Lebensversicherungen oder auf Tagesgeld- und Girokonten. Gerade mal rund 900 Milliarden Euro, rund 15 Prozent, haben die Deutschen in Aktien oder Aktienfonds.
Doch mit einem solchen Anlagemix lässt sich mit dem Mantra der EZB keine wirkliche Rendite machen. Die Währungshüter halten die kurzfristigen Zinsen im Minus und drücken die langfristigen Renditen künstlich mit Anleihekäufen, was vor allem die Deutschen trifft, während anderswo in Europa Immobilieneigentümer oder Aktienhalter von der Niedrigzinspolitik profitieren. Niedrige Leitzinsen erhöhen den Wert solcher Anlagen.“Für die Geldpolitik ergeben sich aus dem unterschiedlichen Sparverhalten und den unterschiedlichen Sparvorlieben natürlich gewisse Spannungen“, sagt Schmieding. Aber wesentlich höhere Notenbankzinsen wären auch für deutsche Sparer nur dann ein Gewinn, wenn sie Ausdruck einer dauerhaft besseren Konjunktur wären. „Würde die EZB einfach ohne Rücksicht auf die Konjunktur die Zinsen massiv anheben, könnten der dann folgende Rückgang der Wachstumsdynamik und die dann noch niedrigere Inflation die Notenbank kurz darauf zwingen, die Zinsen wieder kräftig zu senken“, sagt Schmieding. Dennoch nimmt die EZB mit ihrer Politik indirekt Einfluss auf die Vermögensverteilung in der Euro-Zone, und zwar zulasten der sicherheitsbewussten Deutschen. „Die Vermögensstudie der EZB zeigt, dass die Deutschen trotz ihres Spareifers nicht zu den besonders Vermögenden in der Währungsunion gehören“, sagt Krämer. Das liege daran, dass der Anteil an niedrig verzinsten Anlagen in Deutschland besonders hoch sei. Sieht die Notenbank also weiterhin von Zinserhöhungen ab, trifft dies im Wesentlichen die hiesige Vermögensentwicklung.